Fragen // Landpartie

Hier einige Gesprächsfragmente von uns (Anne und Christine) und Zitate aus Texten, die uns interessant erscheinen, also Hintergrundmaterial zu den Fragen, die wir euch bei unserer Besuchstour gerne stellen würden:

 

 

  • Welche Kunst macht Sinn auf dem Land?

Dazu Christine: Intelligente Kunst, nicht unbedingt intellektuell aufgeladene. Kunst die Fragen des Umraums, in dem sie sich situiert, artikuliert. Kunst die Kommunikation evoziert, was ja eigentlich auf die eine oder andere Weise der Kern von Kunst ist.

„Das Verhältnis zwischen den Menschen sollte die höchste Kunstform in der Welt sein“

(Christoph Schlingensief)

 

  • Ist das Leben in der Peripherie 'echter' als in der Großstadt oder in der virtuellen Welt?

Dazu Anne: Hintergrund der Frage sind die Beweggründe für jüngere Leute, ein Leben auf dem Land zu versuchen, auszusteigen aus der vernetzten, digitalen Kontrollwelt. Hatte in letzter Zeit öfter mit Leuten zu tun, die darunter leiden, dass sie nichts Reales mehr kennen, nicht wissen, was man mit seinen Händen tun kann.

 

Christine: Als ich vor Jahren das erste mal für ein paar Monate auf dem Land war (Stipendium) empfand ich das Wachstum eines sich den Trends und Tendenzen der Großstadt entgegensetzenden Gravitationsfelds, das mir einen aus der selbst gestalteten Zeit entwickelten Raum eröffnete.

 

  • Kann sozial engagierte Kunst Gleichgültigkeit und Passivität aufbrechen und kann sie die Verantwortung tragen für die Effekte, die sie zeugt?

"Während ein Teil der partizipativen und kontextbezogenen Kunst sich darum bemüht, Formen der Kollaboration weiterzuentwickeln, streben andere danach, diese zu ironisieren.

Während einige versuchen soziale Bindungen zu schmieden, definieren andere ihre künstlerische Radikalität durch den Bruch."

 

Nach: Jackson, Shannon. Social Works: Performing Art, Supporting Publics (S.14). Taylor and Francis. Kindle-Version.

 

Zum Anliegen des Buches von Shannon Jackson:

This book ( Social Works) questions models of political engagement that measure artistic radicality by its degree of anti-institutionality. While the activist orientation of some social practice displays the importance of an anti-institutional stance in political art, I am equally interested in art forms that help us to imagine sustainable social institutions. In the projects that I consider, time and collectivity serve as medium and material for exploring forms of interdependent support— social systems of labor, sanitation, welfare, and urban planning that coordinate humans in groups and over time.

 

Jackson, Shannon. Social Works: Performing Art, Supporting Publics (S.14). Taylor and Francis. Kindle-Version.

 

  • Macht ihr (Kunst)-Projekte auf dem Land gegen die eigene Langeweile, zur Unterhaltung anderer oder/und um Inklusion und Gemeinschaft herzustellen?

Anne: Diese Frage soll ein bisschen Provozieren...

 

Christine: Eigenartige Frage. Konzentrierte Langeweile ist sicher eine Entstehungsbedingung von Kunst. Aber die passiert ja überall. Also, ich denke Kunst entwickelt sich aus der Langeweile, und nicht dagegen. Ein Motiv, Kunst zu machen oder Kunst möglich zu machen hier auf dem Land, als Zugezogene, war der Wunsch, meine Interessen einzubringen, ein für mich interessantes Umfeld zu schaffen. Das besteht nicht primär aus dem Import von Künstlern und ihren Ideen, sondern aus dem Versuch einen Raum mit seinen eignen Fragen zu vitalisieren, Reibungen auszulösen, ungewohnte Harmonien zu entdecken. Von mir aus, dem Angesammelten des Intellekts die Herausforderung des neuen Sammelns in einem ungewohnten Raum entgegenzusetzen. Da ist also ein Erkenntnisinteresse, und die Erfahrungslust, andere Lebensschichten, deren Anteile in mir biografisch noch wirksam sind ( meine Großeltern waren Kleinbauern) aufzuspüren.

 

  • Sind partizipative Kunstprojekte eine Art neue Laienkunst-Bewegung?

Anne: Hier beziehe ich mich auf Babette Scurrells (EAA) Gedanken eines Anknüpfungspunkts mit Bitterfeld, zum Bitterfelder Weg, der ja einerseits forderte, die Künstler sollten sich innerhalb der Produktion engagieren, in die Fabriken gehen, um den Kontakt mit den Werktätigen aufzunehmen und deren Lebensbedingungen real zu erleben, andererseits aber auch das kulturelle Potenzial der 'hart arbeitenden' Bevölkerung in einer Laienkunstbewegung aufzudecken.

Der Versuch in all diesen partizipativen Projekten Gemeinschaft, neuerdings auch noch Demokratieverständnis herstellen zu wollen, scheint mir an ähnlichen Hürden zu scheitern, wie der aufoktroyierte Bitterfelder Weg. Die Parallelen unter gewendeten Nachwendevorzeichen, im Schatten bürgernaher AFD Bewegungen scheint mir allerdings höchst interessant.

 

  • Ist das 'Land' Material?

Hintergrund der Frage ist die 7. Berlin Biennale (2012) kuratiert von Artur Zmijewski, der unter dem Postulat des Politischen gesellschaftliche Gruppen (Antifa, religiösen Eiferern, Reenactment Krypto-Militaristen, und  erfolglose Künstler etc.) zur Biennale einlud und sie als Material zum Kuratieren einer Ausstellung benutzt hat.

 

  • Seid ihr aus der Großstadt aufs Land / in die Kleinstadt gezogen oder seid ihr seit jeher überzeugte Peripherieler/Provinzler?

Niklas Maak benennt in seinem Artikel über John Berger eine von dessen Intentionen, sich dem ‚Land’ zuzuwenden:

„Berger hat  nicht eine Art erweiterter, bäuerlicher Familie samt Ritualen im Sinn, verherrlicht nicht die  Ästhetisierung eines vormodernen Alltagslebens. Es geht ihm um eine politische Kritik an ideologisch aufgeladenen Lebensstilen wie der effizienzorientierten Reduktion der Städter im Spätkapitalismus  zu Kleinfamilien oder Singles, die sich in Selbstoptimierung verzehren.“

 

  • Kann gesellschaftliche Veränderung durch Kunstprojekte bewirkt oder angestoßen werden?

»Die meisten Organisationen, in denen sich Menschen kollektiv wehren können, besitzen keine eigene Produktionsstruktur. Im Ernstfall sind sie erpressbar. Wir müssen nach Organisationen der Solidarität suchen, die eine eigene Produktionsstruktur besitzen. Es gibt sie. In ihnen können Menschen sich nicht nur verteidigen, sondern (ohne ein System direkt anzugreifen) autonome Alternativen dagegensetzen. Nicht Utopie, sondern Heterotopie.«

 

Harald Welzer auf: https://www.boeckler.de/wsimit_2014_07_welzer.pdf

 

„Menschen brauchen einen Horizont. Wenn Horizonte und Perspektiven verschlossen sind, werden die Träume größer. Die großen Träume dienen zur Horizont-Erzeugung. Das ist nicht das Gleiche wie die Träume, die man nachts hat. Früher sagte man zu den großen Träumen auch Utopie. Das ist ein falsches Wort. Utopie bedeutet: kein Ort. Ein Traum hat aber immer einen Ort. Der Träumende ist nicht irgendwo im luftleeren Raum, sondern in einer konkreten Situation. Darauf antworten die Träume. Träume sind nicht nur ein Ausdruck von Wünschen, sie sind auch der Ausdruck von Not. Wären wir im Paradies, müssten wir nicht träumen. Träume sind keine Utopien, es sind Heterotopien, also andere Orte, eine andere Wirklichkeit, die gleich neben der ersten Wirklichkeit liegt.“

 

Alexander Kluge auf: www.brandeins.de/archiv/2009/grosse-traeume/traeume-sind-die-nahrung-auf-dem-weg-zum-ziel/

 

  • Lassen sich die Dinge in Räumen mit geringerer Dichte leichter bewegen?

Berger bezeichnet Kunst als einen Akt des  corriger la fortune

das bedeutet, die Dinge und Zeitläufte nicht so hinzunehmen wie sie sind. Berger bezeichnet das als das Potenzial einer Kunst, die vom Mainstream abweicht und neugierig  Optionen sucht, Zukunft zu erfinden, Zukunft damit möglich, denkbar und erkennbar macht.

 

Nach Niklas Maak auf: www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/zu-besuch-bei-john-berger-im-sueden-von-paris-14109003.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

 

  • Beschäftigt dich Nachnutzung (existierender Objekte/Immobilien) und Nachhaltigkeit?

What must we do? First, we must not work or think on a heroic scale. In our age of global industrialism, heroes too lightly risk the lives of people, places, and things they do not see. We must work on a scale proper to our limited abilities. We must not break things we cannot fix. There is no justification, ever, for permanent ecological damage. If this imposes the verdict of guilt upon us all, so be it. Second, we must abandon the homeopathic delusion that the damages done by industrialization can be corrected by more industrialization. Third, we must quit solving our problems by ‘moving on.’ We must try to stay put, and to learn where we are geographically, historically, and ecologically. Fourth, we must learn, if we can, the sources and costs of our own economic lives. Fifth, we must give up the notion that we are too good to do our own work and clean up our own messes. It is not acceptable for this work to be done for us by wage slavery or by enslaving nature. Sixth, by way of correction, we must make local, locally adapted economies, based on local nature, local sunlight, local intelligence, and local work. Seventh, we must understand that these measures are radical. They go to the root of our problem. They cannot be performed for us by any expert, political leader, or corporation. This is an agenda that may be undertaken by ordinary citizens at any time, on their own initiative. In fact, it describes an effort already undertaken all over the world by many people. It defines also the expectation that citizens who by their gifts are exceptional will not shirk the most humble services.

 

Berry, Wendell. The World-Ending Fire: The Essential Wendell Berry (Kindle-Positionen5301-5305). Penguin Books Ltd. Kindle-Version.

 

  • Hilft Kunst in der Peripherie?

Niklas Maak bezeichnet John Berger als einen ‚ruralen Futuristen’ der nicht anti-modern denkt, sondern das Land als Möglichkeitsraum ansieht, gerade weil einen Gegenraum zu den stark kontrollierten und museumsartigen Innenstädten darstellt.

Möglichkeitsraum im Bergerschen Sinne – ist ein Raum von Freiheit und Experiment.


www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/zu-besuch-bei-john-berger-im-sueden-von-paris-14109003-p3.html

  • Durch was hat dich die Peripherie verändert?

 

  • Gewinnt Handeln durch Kunst eine andere Bedeutung? Welche Rolle kann die Politik spielen?

„Fragen zur ästhetischen Autonomie werden ganz akut wenn wir nicht nur auf die Kunst sondern auch auf das ‚Überleben’ von Künstlern schauen.  Die diversen Varianten von Formen, Inhalten und Zielstellungen in kontextbezogenen und experimentellen Projekten von Künstlern haben damit zu tun, wo Künstler finanzielle Unterstützung finden (…..)

Der Anspruch der Autonomie, der Unabhängigkeit und der konzeptionellen Reinheit wird schwieriger…Denken wir über die Möglichkeiten der Förderung/ des Supports nach, erweitern wir unsere Wahrnehmungsskala und sehen unsere Arbeit im Kontext mit gesellschaftlichen und kulturpolitischen Zielstellungen.“

 

Jackson, Shannon. Social Works: Performing Art, Supporting Publics (S.16). Taylor and Francis. Kindle-Version.

Siehe auch: www.artpractical.com/feature/interview_with_shannon_jackson/

 

und ein Gedanke von Harald Welzer:

„Ich brauche Randbedingungen, die mich auch auffordern, kreativ zu sein, mit neuen Formen von Engpässen in einer innovativen Form umzugehen. Die spannende Frage ist: Wie müssen Politik und politischer Rahmen gesetzt sein, dass der richtige Richtungsimpuls erfolgt, aber die gesamte Kreativität und Vielfalt der Lösungsfindung nicht erstickt wird?“

 

Welzer, Harald; Sommer, Bernd. Transformationsdesign: Wege in eine zukunftsfähige Moderne (German Edition) (S.189). oekom verlag. Kindle-Version.

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